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Das Portrait Siegfried Unselds vom Maler Frank Grüttner. Foto: N. Saßmannshausen

Aus gegebenem Anlass:
Weil in diesen Tagen im Suhrkamp-Verlag ein Buch unter dem Motto „Alles über Siegfried Unseld“ herauskam ein Beitrag in diesem Blog, entnommen dem Blog www.denkart-frankfurt.de aus dem Jahr 2009.

Gespräch mit Frankfurter Maler Frank Grüttner

Sie gehören dazu: Samuel Beckett, Peter Suhrkamp, Siegfried Unseld, Ulla Berkéwicz. Es ist eine jetzt 15jährige Geschichte mit einer Vorgeschichte und sie gehört in die Gegenwart des Jahres 2009. Es fängt in Berlin an und spielt in Frankfurt am Main.

10.3.1953
Frank Grüttner: Das war die Premiere von Warten auf Godot. Ich war damals in meiner Klasse zuständig für die Theaterkarten am Arndt-Gymnasium in Berlin. Damals kostete eine Theaterkarte für Schüler 1 Mark und vom Senat gefördert gab es für jede Theateraufführung, auch bei Premieren, Schülerkarten. Ich habe, ein 13jähriger, in der 3. Reihe gesessen bei der Premiere von Warten auf Godot im Schloßpark Theater. Ich saß direkt hinter Suhrkamp, Beckett, Friedrich Luft – ohne zu wissen, wer da vor mir sitzt. Und ich war der einzige, der immer gelacht hat. Dann dreht sich während der Vorstellung einer der vor mir Sitzenden um und sagt: Du bist eingeladen zum Feiern. Als er dann auf die Bühne gerufen wurde, wußte ich erst: Das war der Dichter, das war Beckett. Er konnte gut deutsch. Ich habe mit ihm im Fundus gesessen und eine Cola getrunken.
Was mich geprägt hat: Warten auf Godot. Darüber habe ich auch ein Triptychon gemalt: En attendant Godot.
Ich kannte Unseld, weil ich damals über der Buchhandlung Kohl, die mit dem Suhrkamp Verlag verbunden war, mein Atelier hatte. Zum 33. Jahr des Suhrkamp Verlages hatte ich zwei Schaufenster für Kohl gestaltet. Anläßlich des 100. Geburtstages von Peter Suhrkamp erhielt ich den Auftrag zur Gestaltung eines Schaufensters der Frankfurter Bücherstube. Dafür habe ich dann ein Portrait von Suhrkamp gemalt. Das war 1991.

Beim Umzug der Bücherstube haben Siegfried Unseld und ich das Portrait von Peter Suhrkamp feierlich und unverpackt durch die Stadt getragen. Am neuen Standort der Frankfurter Bücherstube war es lange Zeit im Schaufenster zu sehen. Später kam Siegfried Unseld und sagte: So ein Portrait möchte ich auch von mir.

1994
Beim Malen hatte ich große Probleme: Weil Siegfried Unseld nicht sitzen konnte oder still stehen. Ein Portrait ist ja ein Kampf, bei dem der Portraitierte der Ausgelieferte ist, er wird benützt, er wird durchschaut, er wird angeguckt. Das hat Siegfried Unseld nicht ertragen können. Schließlich hat er gesagt: ich bring ein Foto. Das hat er gebracht.
Mir reichte das nicht mit dem Foto. Das was Andy Warhol gemacht hat, ein Polaroid und davon einen flachen Siebdruck, das ist die Marke Andy Warhol. Das ist ein hübsches Bild, vielleicht auch eine Ikone, aber es ist nicht Siegfried Unseld, sondern Andy Warhol, der sich immer selbst dargestellt hat.
Die Arbeitsweise an diesem Bild: … da der Unseld also sehr unruhig war, er lief immer so vorgebeugt herum, in seinen teuren Hosen. Er hatte immer graue Anzüge an, die waren grauenvoll. Die blaue Krawatte stach positiv hervor. Einmal habe ich zu ihm gesagt, Siegfried, ich rate Dir dringend zum Arzt zu gehen, weil ich glaube das Du krank bist. Und, wo ich ihn auch furchtbar getroffen habe, als ich ihm sagte: Ich kann als Maler niemals Deine Haare malen, so wie Du sie trägst. Du bist doch der bedeutendste deutsche Verleger, es kann Dir niemand das Wasser reichen. Du kannst doch Deine Haare nach hinten streichen …
Also ich habe dann folgendes gemacht: Da er ja jeden Morgen im Hausener Bad seine Runden geschwommen ist bin ich auch da schwimmen gegangen. Über einen Zeitraum von 3 Monaten bin oft hin und habe sein Gesicht auswendig gelernt, wie ein Geiger sein Stück, wenn er es richtig spielen will. Und ich habe ihn natürlich als Kaufmann gemalt, den genialen Kaufmann und Verleger. Er hat kein Buch in der Hand und auch die Hände sieht man nicht: der starke Oberkörper, der Kopf und die blaue Krawatte. Er hat ja auch keinen eigenen Verlag aufgebaut, er hat einen genommen und ausgebaut, also er ist ein Kaufmann. Auch das muß man können und das machte er gut. Es gibt kein anderes Bild, das so intensiv im Leben von Siegfried Unseld gemalt worden ist, ich hab ihn ja endlos begleitet, fast „nackt“ im Schwimmbad …

Das Bild war fertig aber er traute sich nicht es anzuschauen. Das ging über mehrere Wochen. Dann habe ich ihm ein Ultimatum gestellt: Wenn er nicht käme, würde ich das Bild auf der Buchmesse im Beisein der Presse als Aktion verbrennen. Daraufhin war er praktisch am nächsten Tag bei mir, ich hatte Champagner bereitgestellt. Dann kam die Enthüllung wobei er hocherregt, wahnsinnig nervös hier herum lief. Und als das Tuch fiel sagte er: Ja, ja, genau, die Augen. Und dann: Da muß ich mit meiner Frau noch mal kommen.

Doch die kam nicht. Die wollte das Bild gar nicht sehen. Schließlich habe ich die Rechnung geschrieben. Daraufhin kriegte ich einen Brief, dass das nicht ausgemacht gewesen wäre, der Betrag wäre viel zu hoch und er würde mir die Hälfte bezahlen. Was ich prompt ablehnte. Daraufhin hat er den Vorschlag gemacht, dass wir darüber noch mal reden könnten. Ich schrieb ihm zurück: Ich würde nicht handeln. Darauf schrieb er: Er würde erstmal 12.000 überweisen, also die Hälfte. Ich schrieb zurück: Dann machen wir das so, Du zahlst mir die 12.000 und das Bild bleibt in meinem Besitz, solange, bis Du Dich entschieden hast, es vielleicht doch noch abzunehmen und ganz zu bezahlen. Diesen Vorschlag hat er angenommen. Irgendwo habe ich noch einen Brief wo er sich entschuldigt, … weil ich ihm gesagt hatte, einen Künstler behandelt man nicht so, entweder man sagt ja oder nein, und wir haben etwas ausgemacht was er einhalten hätte müssen.

Frank Grüttner: Wie findest Du das Portrait?

Saßmannshausen: Ich habe es ja schon einmal gesehen, aber es gefällt mir jetzt noch mehr. Es ist die Anspannung sichtbar. Obwohl man nur den Kopf sieht, spürt man sein Zuhören, seine Erwartung, die Vibration des Geistes … Da ist der nicht zur Ruhe Gekommene, einer der nicht zur Ruhe kommen konnte und kann.

Frank Grüttner: Und man sieht auch einen Hauch von Angst.

Das Gespräch mit Frank Grüttner wurde im Frühjahr 2009 in seinem Atelier geführt.

siegfriedunseld

Der Maler Frank Grüttner lebt in Frankfurt am Main. Sein Atelier befindet sich im Oeder Weg in Frankfurt.
Geboren 1940 in Berlin (erster Wohnsitz bis 1970). Zahlreiche Ausstellungen.
Eine ausführliche Vita findet sich auf den Webseiten von Frank Grüttner.
Siegfried Unseld wurde am 28. September 1924 geboren.

www.frank-gruettner.com

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