{"id":510,"date":"2021-08-28T12:06:23","date_gmt":"2021-08-28T10:06:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/?p=510"},"modified":"2022-04-06T12:57:44","modified_gmt":"2022-04-06T10:57:44","slug":"bockenheim-und-goethe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/?p=510","title":{"rendered":"Bockenheim und Goethe"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Informations-Anzeiger-Goethe-und-Bockenheim.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-511\" src=\"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Informations-Anzeiger-Goethe-und-Bockenheim.jpg\" alt=\"\" width=\"398\" height=\"366\"><\/a>Erst vor wenigen Wochen wurde der hier pr\u00e4sentierte Text von Heinrich Ludwig im Archiv des Goethe-Hauses in Frankfurt am Main wieder entdeckt. Erschienen 1949 im untergegangenen &#8222;Bockenheimer Informations-Anzeiger&#8220;, von dem der Autor bislang ebenfalls nichts wusste. <!--more--><\/p>\n<h1><strong>Bockenheim und Goethe.<\/strong><\/h1>\n<p>In diesen Tagen, da fast alles im Zeichen der Goethefeier steht, will auch Bockenheim nicht zur\u00fcckstehen, und alles das hervorsuchen, was mit dem Heros in Verbindung steht. Schon als Knabe, als der Vater bald nach dem Tode seiner Mutter (1754) das Anwesen mit dem dazu geh\u00f6rigen schmalen Haus zur Rechten zu einem pr\u00e4chtigen Gelehrten- und Patrizierhaus umgebaut hatte, lernte er den Bockenheimer Steinmetzen David Renfer kennen, der den sch\u00f6nen f\u00fcr die Pumpe im Hofe bestimmten Pumpenstein geliefert hatte. Im Alter von 11 Jahren, als die Franzosen die Stadt besetzt hatten und als zum gr\u00f6\u00dften Leidwesen des Vaters der franz\u00f6sische <strong>K\u00f6nigsleutnant Thoranc<\/strong> bei ihm einquartiert worden war und sein Elternhaus tagein tagaus von Offizieren und Bittenden besucht wurde, h\u00f6rte er im Jahre 1760 eines Tages, da\u00df zwei Bauernzehntgrafen (M\u00fcller von Bockenheim und Pflug von Ginnheim) dem\u00fctig dem Grafen Thoranc eine Beschwerdeschrift wegen der Wegnahme ihres Zugviehes durch die zu R\u00f6delheim gelegenen Reiter \u00fcberreichten und fr\u00f6hlich das Haus verlie\u00dfen, weil ihnen die wohlwollende Behandlung der Schrift versprochen wurde.<\/p>\n<p>Schaut der Knabe aus den Fenstern zum Hofe,so breitete sich vor seinen Augen der herrliche Fruchtgarten des Maintales aus, der sanft zum Gebirge anstieg. Aelter geworden, trieb es ihn, die herrliche Umgebung zu durchwandern. So lernte er das trauliche <strong>J\u00e4gerh\u00e4uschen<\/strong> hinter dem Rebst\u00f6cker Wald kennen, das schon damals eine gute Rastst\u00e4tte war und das er f\u00fcr alle Zeiten in die Literatur eingef\u00fchrt hat; l\u00e4\u00dft er doch im \u201eFaust\u201c zwei Handwerksburschen sagen: \u201eWir gehen hinaus auf\u00b4s J\u00e4gerhaus\u201c. Freilich mu\u00df man sich den Osterspaziergang am Main geschehen denken; aber Goethe, der die sch\u00f6ne Eisbahn auf unseren Dammwiesen gern benutzte, hat auch den idyllisch gelegenen Ort s\u00fcdlich des jetzt verschwundenen Rabenwaldes, jetzt Flugplatzgel\u00e4nde, gekannt.<\/p>\n<p>Eine Schule hatte er nicht besucht. F\u00fcr seine Bildung sorgten gute Hauslehrer; in manchen F\u00e4chern unterrichtete ihn der Vater selbst. Franz\u00f6sische Konversation freilich mu\u00dfte durch Uebung erlernt werden. Die Gelegenheit dazu bot unser Bockenheim. Er erz\u00e4hlt selbst in \u201eDichtung und Wahrheit\u201c, wie er sich befli\u00df, von Bedienten, Kammerdienern, Schildwachen, Schauspielern Redensarten sowie Betonungen merkte und auch den franz\u00f6sische-reformierten Geistlichen gern zuh\u00f6rte und ihre Kirche um so lieber besuchte, als ein sonnt\u00e4glicher Spaziergang nach Bockenheim nicht allein erlaubt, sondern geboten war. Die Frankfurter Reformierten warn gew\u00f6hnlich in 50-60 Kutschen hierher zur Kirche (sp\u00e4ter Volkshaus) gefahren, wie der ber\u00fchmte Lavater in seinem Tagebuch 1774 selber erz\u00e4hlt. Dieser war im Goethehause zu Besuch und predigte am 31. Julius 1774 in der deutsch-reformierten Jakobskirche unter ungemeinem Zulauf. Goethe war dem Gaste zuliebe sicherlich auch anwesend; mehr schon im n\u00e4chsten Jahre, da er der Br\u00e4utigam von der reformierten Lili Sch\u00f6nemann war. Er hat in einer Epistel aus dem Herbst 1775, die an das Ehepaar D\u00b4Orville in Offenbach gerichtet, aber doch eigentlich f\u00fcr seine Braut bestimmt war, sich schlie\u00dflich dar\u00fcber entschuldigt, weil er nicht oft und gern an ihrer Seite zur Bockenheimer Kirche gefahren ist:<\/p>\n<p>Was hilft mir nun das Glockengebrumm,<br>Das Kutschengerassel und Leutgesumm;<br>Was t\u00e4t ich in der Kirche gar,<br>Da ich schon einmal im Himmel war,<br>Ich Hand in Hand mit Engeln sa\u00df,<br>Mich in dem Himmelsblau verga\u00df,<br>Das aus dem s\u00fc\u00dfen Auge winkt,<br>Drin Lieb und Treu Sternlein blinkt?<br>Was h\u00f6r ich an des Pfarrers Lehr,<br>Die doch nicht halb so kr\u00e4ftig w\u00e4r,<br>Als wenn ihr M\u00fcndlein lieb und mild<br>Mich \u00fcber Fluch und Unart schilt!<\/p>\n<p>Das Goethe bald sein Verl\u00f6bnis aufhob und dann f\u00fcr viele Jahre bis zu seinem Tod in Weimar als Minister gewirkt hat, ist bekannt. Selten nur sah er Frankfurt wieder, seine Mutter gar 1797 zum letzten Male. Am 20. August dieses Jahres hat er bei seinem dreiw\u00f6chigen Aufenthalt die neuen Frankfurter Bauten bewundert, aber auch als leidenschaftlicher Mineraloge die hiesigen Basaltgruben wieder einmal gr\u00fcndlich durchforscht und in seinen Tageb\u00fcchern l\u00e4ngeres dar\u00fcber berichtet. Der Bockenheimer Basalt hat n\u00e4mlich als besondere Eigenheit die Eiseneinschl\u00fcsse (daher der Name Sp\u00e4rosiderit). Mein Urgro\u00dfvater, der Steinhauermeister Jakob Ludwig, der 1825 t\u00f6dlich versch\u00fcttet wurde, hat dar\u00fcber keine Erinnerung hinterlassen, wohl, weil der Minister Goethe sich nicht zu erkennen gab.<\/p>\n<p>Von den hier wohnenden ber\u00fchmten Leuten, die Bockenheim damals beherbergt hat, ist von Freunden Goethes der schw\u00e4bische Pfarrerssohn <strong>K. F. Reinhardt<\/strong> zu nennen, der zu hohen Ministerstellungen in franz\u00f6sischen Diensten gelangt und zuletzt 1816-1929 franz\u00f6sischer Gesandter am Bundestag in Frankfurt war und bestimmt (nach Goethe) 1820 hier in Bockenheim gewohnt hat.<\/p>\n<p>Ganz zuletzt ist mir noch eine interessante und merkw\u00fcrdige Sache bekannt geworden. Es handelt sich um den reichen Frankfurter Schutzjuden <strong>L\u00f6b Elias Rei\u00df<\/strong>, den Erbauer der ersten Bockenheimer Synagoge, der sich als sachsen-weimarischer Hoffaktor, also als ein Mann von ma\u00dfgebender Wirkungskraft, beim Herzog Karl Augst, 1766 schon beliebt gemacht hatte, soda\u00df Goethe in einem Briefe vom 8. August 1782 an seinen Onkel, den Sch\u00f6ffen und Rat Dr. jur. J. Jost Textor zu Frankfurt, im Auftrag des Herzogs bei diesem privatim anfragen mu\u00dfte, \u201ein wiefern er glaube, da\u00df und auf was Art f\u00fcr gedachten Juden etwas g\u00fcnstiges zu thun sein m\u00f6chte, der sich um die Angelegenheiten der Eisenachischen und Apoldischen Kaufleute jederzeit besonders bem\u00fchet und nun beim Magistrat nachgesucht habe, da\u00df ihm die Erlaubnis, Sonn- und Festtags au\u00dfer der Judengasse zu gehen erlaubt werde.\u201c (Damals machte Blanchard seine bekannten Ballonfahrten, die der Jude sich auch gern mit angesehen h\u00e4tte.) \u2013 Ob Goethes Brief Erfolg hatte, steht mir noch nicht fest. Aber der Jude Rei\u00df, dessen Mutter 1707 schon im Judenverzeichnis aufgef\u00fchrt ist, hat den hiesigen Juden, die bisher im Oberhofe ihre Schule hatten (daher auch der Name Judenhof f\u00fcr ihn in vielen Akten), eine Synagoge erbaut. Es war 1768, 12. Dezember, durch Tausch in den Besitz der Hofreide des Joh. Bollbach gekommen, die er niederlegen lie\u00df, um sich das 1944 leider vernichtete sch\u00f6ne Barockhaus, B\u00e4cker Stricker zuletzt geh\u00f6rend, und 1769 in dessen Hof auch die neue bis 1870 bestandene Synagoge erbauen zu lassen, die im Erdgescho\u00df auch eine Gartenstube f\u00fcr Rei\u00df hatte. Der Zugang zur Synagoge geschah durch sein gro\u00dfes Hoftor. Wohnhaus und Schule geh\u00f6rten lange zusammen und wurden z.B. 1854 mit 6000 Gulden taxiert, als ersteres dem Eisenh\u00e4ndler Gerson He\u00df sp\u00e4ter Allerheiligenstra\u00dfe) zugeschrieben wurde.<\/p>\n<p>Hch. Ludwig<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=510"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":517,"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/510\/revisions\/517"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=510"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=510"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.frida-und-franz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=510"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}