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Vor 45 Jahren: 1969

Alle fuhren nach Berlin. Diejenigen, die nicht zur Bundeswehr wollten sowieso und auch. Ich fuhr allein mit dem Zug. Habe ich in der Jugendherberge übernachtet? Vermutlich, vielleicht. Habe ich die Mauer angesehen, vom Westen aus? Ja. Vom Osten aus? Eher nicht. Aber ich war drüben. Habe ich meinen Eltern geschrieben. Vor allem aber ich Buchläden besucht, am Sayvigneplatz, in Dahlem usw. Ich ertrank in den Titeln der Zeitschriften, in den Titel der Bücher, den Namen der Revolutionäre – – – ich war in St. Petersburg, 1917.  Ich kam aus der Provinz, nein, ich kam aus dem Sauerland. Dort ware alles noch ganz weit weg. Da gab es das Fernsehen. Und die konkret am Bahnhofskiosk in Altenhundem und das Kursbuch-Abo in der Siegener Buchhandlung. Der kleine Sauerländer in Berlin 1969. Noch war er kein Trotzkist, noch gab es keine Genossen, die man später alle kannte, von Siegen bis Lüdenscheid, von Attendorn bis Lennestadt. Er: Ein Suchender im Meer der Organisationen und Initiativen und Zeitschriftenprojekte. Bis heute kann ich nicht schwimmen.

Am Abend ins Theater auf dem Kudamm: Publikumsbeschimpfung von Handke. Erweckungstheater. Und dann, am nächsten Tag, die 883 in der Hand: Peter Handke auf dem Kudamm. Wir sind im Pop-Zeitalter: Ich erbitte mir also ein Autogramm und erhalte es, auf die 883. Mein Drittes Autogramm. Vorher,  1965: Pierre Brice und Lex Barker.

883_24071969

Zurückgekehrt abonnierte ich für Lennestadt 50 Exemplare der 883 („Unser Kater Carlo“ – wir erinnern uns, nicht wahr?!). Ich erhielt sie mindestens bis irgendwann 1970. Zum Schluß wurden die angelieferten Stapel in der Waschküche nur noch abgelegt. Da war ich bereits Trotzkist und las die 883 nicht mehr. Meine Eltern fanden sich damit ab – mit meinem Edelkommunismus, mit den wöchentlichen Stapeln der 883, mit den langen Fahrten, die dann, ab Herbst 1969 als trotzkistischer Genosse nach Dortmund, nach Köln, nach Essen, nach Paris und nach Bonn und Berlin führten.

 

 

 

 

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